Reisen

Reisevorbereitungen

Reisen ist für jeden Menschen eine Möglichkeit, Abstand vom Alltag zu gewinnen und neue Eindrücke zu erhalten. Die Tatsache an Hämophilie erkrankt zu sein bedeutet heutzutage nicht mehr, dass auf Reisen verzichtet werden muss. Die heutigen Medikamente und die erhöhte Anzahl an Hämophilie-Behandlungszentren weltweit, ermöglichen Hämophilie-Patienten auch längere Reisen ins Ausland. Im Vergleich zu den alltäglichen Reisevorbereitungen sollten jedoch Hämophilie-Patienten spezielle Reisevorbereitungen treffen.

Bei der Auswahl des Reiseziels sollten Hämophilie-Patienten sich erkundigen, in welchen Ländern es Hämophilie-Behandlungszentren gibt, die eine Behandlung anbieten, die in etwa dem Standard im Heimatland entspricht.

Eine Liste im Internet stellt die WFH (World Federation of Hemophilia) unter dem folgenden Link https://www.wfh.org/en/resources-education/treatment-centre-directory zur Verfügung. Bitte folgen Sie dort der Navigation „Resources and Education/Find a Treatment Centre“. Außerdem können Sie Hämophiliezentren im Urlaubsland auch auf dieser Homepage in der Rubrik Service/ Ärzte finden suchen.

Es sollte darauf geachtet werden, dass ein Behandlungszentrum problemlos vom Urlaubsort erreicht werden kann. Auch wenn genügend Standard-Hämophilie-Medikation für den Urlaub eingeplant wurde, können doch durch unerwartete Ereignisse (Gepäckverlust, Blutungen etc.) zusätzliche Mengen erforderlich werden. In diesen Fällen kann dann das Hämophilie-Behandlungszentrum weiterhelfen.

In manchen Ländern ist nicht garantiert, dass Sie ihre Standard-Hämophilie-Medikation erhalten. Daher ist es empfehlenswert, immer ausreichend Medikation mitzunehmen. Die im Urlaub geplanten Sport- und Freizeitaktivitäten sollten vorher mit den behandelnden Ärzt*innen besprochen werden. Einige Aktivitäten sind möglicherweise für Hämophilie-Patienten nicht geeignet.

Reiseapotheke und Notfallkoer

Als wichtigstes Medikament gehört in die Reiseapotheke eines Hämophilie-Patienten eine ausreichende Menge an Standard-Hämophilie-Medikation.

Die benötigte Menge ist abhängig von Reiseziel und Dauer der Reise und sollte zusammen mit den behandelnden Ärzt*innen berechnet werden. Als Anhaltspunkt gilt für Erwachsene:

  • Bedarfsbehandlung: mind. erforderliche Menge zur Behandlung einer schweren Blutung (nach Rücksprache mit behandelndem Arzt)
  • Prophylaxe: immer 30% mehr an Einheiten als für die Urlaubsdauer berechnet

Bitte beachten Sie die Lagerungshinweise Ihrer Medikation. Manche Medikamente sollten gekühlt gelagert werden. Bei großer Hitze kann die Wirkung reduziert werden. In Hotels sollten die Medikamente am besten im Kühlschrank (der Hotelküche) aufbewahrt werden.

Bei Flugreisen sollte ein Teil der Standard-Hämophilie-Medikation im Handgepäck verstaut werden, damit auch bei Gepäckverlust noch Medikation zur Verfügung steht.

In die Reiseapotheke eines jeden Reisenden gehören:

  • Elastische Binden
  • Fieberthermometer
  • Sterile Einmalspritzen und Kanülen
  • Medikamente zur Behandlung von:
    • Durchfall
    • Schmerzen und Fieber (keine acetylsalicylsäurehaltigen Präparate!)
    • Übelkeit und Reisekrankheit
    • Husten
    • Schnupfen
    • Halsschmerzen
    • grippalen Infekten
    • kleinen Wunden
    • Insektenstichen und Insektenabwehr
  • Sonnenschutzmittel, Mittel bei Sonnenbrand

Erweiterte Reiseapotheke für Hämophilie-Patienten

Zudem sollte ein Vorrat an regelmäßig eingenommenen Medikamenten mitgenommen werden:

  • Wundschnellverband
  • Wundpflaster
  • Mullbinden
  • Kompressen
  • Desinfektionsmittel
  • Alkoholtupfer
  • Einmalspritzen, Ersatz-Butterflies und normale Kanülen
  • Antihistaminikum und Kortisonpräparat gegen allergische Reaktionen

Reisedokumente und Bescheinigungen

Allgemein sollte jeder Reisende die folgenden Dokumente mit sich führen:

  • Personalausweis oder Reisepass (bei Überseereisen Ablaufdatum kontrollieren!)
  • e-card für Reisen innerhalb von Österreich
  • Europäische Krankenversicherungskarte für Reisen innerhalb von EU-Ländern (ermöglicht eine kostenlose medizinische Behandlung in allen EU-Ländern)
  • bei bestimmten Ländern mit Visumpflicht, Visum (Information über die Botschaft/das Konsulat)
  • Impfausweis

Hämophilie-Patienten sollten zusätzlich folgende Dokumente mit sich führen:

  • Hämophilieausweis (internationaler Notfallausweis mit Adresse des Behandlungszentrums, Angaben zur Erkrankung und Behandlung, Schweregrad)
  • Ggf. Schwerbehindertenausweis
  • Ärztliche Bestätigung, dass Medikation mitgeführt werden muss
  • Zollbestätigung, die erklärt, warum größere Mengen an Medikation und Spritzbesteck mitgeführt wird. Sie finden Zollbescheinigungen in 7 Sprachen in der Rubrik Service/ Zollbescheinigungen.

Versicherungen

Aufgrund der besonderen Situation im Urlaub und auf Reisen können bestimmte Situationen eintreten, gegen die man sich im Voraus versichern kann. Hämophilie - Patienten stehen beim Abschluss von Versicherungen häufig vor dem Problem, dass chronische Erkrankungen als haftungsbegrenzendes Risiko angesehen werden, und somit Gefahr laufen, den Versicherungsschutz zu verlieren. Dieser Punkt sollte deshalb genau mit der Versicherung abgeklärt und am besten schriftlich zugesichert werden.

Die folgenden Versicherungen könnten für reisende Hämophilie-Patienten interessant sein. Es sollte jedoch jeder Reisende selbst entscheiden, inwieweit er sich absichern möchte.

Auslands-Reisekrankenversicherung

Eine zusätzliche Reisekrankenversicherung ist notwendig:

  • für Länder mit denen kein Sozialversicherungsabkommen besteht
  • bei Wunsch nach zusätzlichen Leistungen (zB. Rücktransport)

Sie ist im Allgemeinen für gesetzlich Versicherte zu empfehlen. Es ist günstiger, Jahrespolizzen abzuschließen. Es sollte vorab abgeklärt werden, wie die Versicherung einen medizinisch notwendigen Rücktransport definiert, denn sonst könnte ein Rücktransport in Ländern mit ausreichender medizinischer Versorgung nicht erstattet werden. Personen ab dem 65. Lebensjahr werden jedoch häufig abgelehnt.

Reiserücktrittsversicherung

Die Reiserücktrittsversicherung erstattet die Kosten, falls der Reisende den Urlaub nicht antreten kann oder frühzeitig abbrechen muss. Erstattet werden die mit dem Reiseveranstalter vertraglich vereinbarten Stornogebühren oder die Kosten, die durch eine frühere Beendigung des Urlaubs entstehen (z.B. Kosten für eine vorzeitige Rückreise).
Die meisten Versicherungen erstatten bei Vorliegen der folgenden Gründe:

  • Tod, Unfall, unerwartete schwere Erkrankung, Schwangerschaft
  • Impfungsunverträglichkeit gegen eine für die Einreise erforderliche Impfung
  • Schaden am Eigentum durch Überschwemmung, Feuer, Diebstahl, Raub, Einbruch
  • Verlust des Arbeitsplatzes durch unerwartete Kündigung

Ob sich die Versicherung lohnt, muss im Einzelfall entschieden werden. Im Allgemeinen empfiehlt sich der Abschluss für:

  • Familien mit Kleinkindern
  • Pflegebedürftige
  • teurere Fernreisen

Reisegepäckversicherung

Die Reisegepäckversicherung erstattet eine Entschädigung bis zur Höhe des vereinbarten Versicherungsbetrages im Falle von

  • Verlust oder Beschädigung des Reisegepäckes

Die Entschädigung wird berechnet auf der Grundlage des Zeitwertes. Geld, Wertpapiere, Fahrkarten und andere Dokumente sind nicht versichert. Die Reisegepäckversicherung wird im Allgemeinen nicht empfohlen, da sie vergleichsweise teuer ist und nur unter strengen Auflagen Leistungen erstattet.

Reiseunfallversicherung

Diese Versicherung gilt weltweit und deckt die Risiken eines Unfalls ab, der eine dauerhafte Invalidität oder Tod zur Folge hat. Es werden häufig gefährliche Freizeitbeschäftigungen ausgeschlossen. Als Unfall wird dabei bezeichnet:

  • ein von außen auf den menschlichen Körper einwirkendes unfreiwilliges, plötzliches Ereignis, das zu einer Verletzung führt

Soforthilfeversicherung

Diese Versicherung bietet dem Versicherten schnelle und unbürokratische Hilfe am Reiseort, so dass er gegebenenfalls schnellstmöglich die Rückreise antreten kann. Für einen Hämophilie-Patienten interessant ist, dass dazu z.B. die Beschaffung von Hämophilie-Medikation aus dem Heimatland gehört. Da jedoch ein großer Teil der Leistungen häufig bereits von anderen Versicherungen eingeschlossen ist, sollte ein Abschluss sorgfältig geprüft werden.

Impfungen

Der Impfstatus sollte vor jeder Reise kontrolliert werden. Für Reisen im Inland oder im europäischen Ausland sollte ein ausreichender Schutz gegenüber den folgenden Infektionserkrankungen vorliegen:

  • Diphtherie
  • Tetanus (Wundstarrkrampf)
  • Hepatitis A und B
  • Poliomyelitis (Kinderlähmung)

Bei Reisen in tropische Länder werden zudem abhängig vom Urlaubsland weitere Schutzimpfungen empfohlen. Man kann sich hier persönlich beraten lassen. Informationen erhält man zB. im Hämophilie-Behandlungszentrum oder im

Institut für Reise- und Tropenmedizin: www.tropeninstitut.at

Zentrum für Reisemedizin: www.reisemed.at

Es sollte darauf geachtet werden, dass die Impfungen rechtzeitig vor Antritt der Reise begonnen werden, denn viele Impfungen müssen bis Eintritt der Schutzwirkung mehrmals durchgeführt werden. Falls die behandelnden Ärzt*innen wenig Erfahrung mit Hämophilie haben, sollte diesen mitgeteilt werden, dass die Impfungen nicht in den Muskel, sondern unter die Haut gespritzt werden müssen.

Worauf muss beim Reisen geachtet werden?

Der Körper muss sich bei Reisen in Ländern an die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen anpassen. Dies ist für den Körper anstrengend und man fühlt dies, indem man in den ersten Tagen weniger belastbar ist. Dieser Anpassungsprozess an einen Klimawechsel wird besser verkraftet, wenn der Körper ein gewisses Maß an körperlicher Fitness aufweist. Auch vermindert eine gute körperliche Kondition die Wahrscheinlichkeit von Fehlbelastungen und Verstauchungen der Gelenke, sowie von Einblutungen in das Gewebe. Man sollte deshalb versuchen, sofern man nicht schon regelmäßig ein Trainingsprogramm durchführt, mit den folgenden kleinen Maßnahmen seine körperliche Fitness zu steigern:

  • Verzicht auf Autofahrten (kleinere Strecken können gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigt werden)
  • Verzicht auf Rolltreppen und Fahrstühle
  • regelmäßiges Spazierengehen oder Fahrradfahren

Bei Flugreisen sollten hinsichtlich der Mitnahme von Hämophilie-Medikation folgende Punkte beachtet werden:

  • Standard-Hämophilie-Medikation sollte im Handgepäck verstaut werden
  • Mitnahme der ärztlichen Bescheinigung und des Rezepts
  • Um die Standard-Hämophilie-Medikation mit an Bord nehmen zu dürfen, benötigt die Fluggesellschaft die ärztliche Bescheinigung und das Rezept.

Bei Reisen mit dem Auto sollte hinsichtlich der Mitnahme von Hämophilie-Medikation der folgende Punkt beachtet werden:

  • Die Standard-Hämophilie-Medikation sollte am besten in einer Kühlbox im Innenraum transportiert werden, um sie vor Überhitzung zu schützen.

Bei Reisen ins Ausland sollten folgende Punkte geklärt werden:

  • Absprache der Reise mit dem Hämophilie-Behandlungszentrum
    Das Hämophilie-Behandlungszentrum kann mit dem Zentrum im Ausland bereits Kontakt aufnehmen und wichtige Dinge abklären.
  • Mitnahme der ärztlichen Bescheinigung in der Landessprache des Reiselandes
    Lassen Sie Ihre ärztliche Bescheinigung in die jeweilige Landessprache des Reiselandes übersetzen. Ihr Hämophilie-Behandlungszentrum hat möglicherweise die Formulare bereits in verschiedenen Sprachen vorliegen.
  • Mitnahme von zusätzlicher Standard-Hämophilie-Medikation und Applikationsmaterial
    In manchen Ländern ist es schwierig, die Standard-Hämophilie-Medikamente und Applikationsmaterialien zu kommen. Deshalb ist es besser, zusätzlich zum tatsächlich errechneten Bedarf an Medikation eventuell auch Kanülen und Butterflies einzupacken.

Quellen:

  • „Hämophilie - Die Antworten“, Hrsg. ÖHG und Pfizer, verschiedene Autoren; 3. Auflage 2013; ISBN 978-3-200-03020-6. Das Kapitel „Therapie der Hämophilie“ entspricht nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
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