Medikamentöse Behandlung

Entwicklung der Hämophilie-Behandlung

Die Ursache für die erhöhte Blutungsneigung bei Hämophilie liegt in einem Mangel oder vollständigem Fehlen des Gerinnungsfaktors. Die Grundlage der Behandlung war somit die Zufuhr (Substitution) des fehlenden Gerinnungsfaktors.

Die allererste „anti-hämophile Faktor-Behandlung“ wurde 1911 von T. Addis durchgeführt. Bis zu einer richtigen Therapie dauerte es dann noch viele Jahre - und Versuche.
Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Kryopräzipitate zur Behandlung der Hämophilie eingesetzt. Dabei werden aus gefrorenem Blutplasma Proteine (Eiweiße) gewonnen, die für die Blutgerinnung notwendig sind - wie z.B. Faktor VIII.
Die erste richtige Faktor-Ersatztherapie wurde in den 60-iger Jahren mit dem ersten plasmatischen Faktorpräparat zugelassen.
In den 1990er Jahren kam das erste rekombinante - d.h. biotechnologisch hergestellte - Faktor VIII-Präparat auf den Markt.
1997 war es das erste rekombinante Faktor IX-Präparat.
Der nächste Schritt waren Faktorersatzpräparate mit verlängerter Halbwertszeit. Sie sind seit Mitte der 2010er Jahre verfügbar.

Die letzte Änderung begann 2019 mit dem ersten Nicht-Faktor-Präparat, einem monoklonalen Antikörper. Dieser ahmt die Funktion des Faktors VIII nach und führt so zur entsprechenden Gerinnungsaktivität.

In Zukunft könnte eine neue Art der Therapie für einen Teil der Patienten zur Verfügung stehen, die Gentherapie.

Behandlung bei leichter Hämophilie

Für Patienten mit leichter Hämophilie gibt es die Möglichkeit, ein Medikament zu geben, das zu einer erhöhten Freisetzung von Faktor VIII und des von-Willebrand-Faktors führt. Dieses kann entweder über die Vene oder über die Nasenschleimhaut verabreicht werden.

Welche Arten der Therapie gibt es?

Folgende Unterscheidungen gibt es:

Substitutionstherapie mit Faktorkonzentraten:

  • Plasmakonzentrate aus Spenderblut
  • rekombinante Faktoren mit Standard-Halbwertszeit
  • rekombinante Faktoren mit verlängerter Halbwertszeit

Nicht-Faktor-Therapie:

  • Monoklonaler Antikörper zur Aktivierung der Gerinnung

Was sind Plasmakonzentrate aus Spenderblut?

Plasmakonzentrate werden aus dem Blut von Spender*innen hergestellt. Dabei wird der benötigte Gerinnungsfaktor aus dem Blut aufgereinigt.

Bei den Plasmakonzentraten wird ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet, dass mögliche im Spenderblut vorhandene Infektionserreger abgetötet und damit unschädlich gemacht werden. In den 80iger Jahren des 20. Jahrhunderts sind Plasmakonzentrate in die Schlagzeilen geraten, weil durch sie in einzelnen Fällen Hepatitis-C-Viren und bei einem Präparat durch einen Produktionsfehler auch HIV übertragen worden sind. Heutzutage ist eine Infektion mit Bakterien oder schädlichen bekannten Viren so gut wie auszuschließen, da die modernen Produktionsverfahren spezielle Virus-lnaktivierungsprozesse durchführen. Jedoch ist nicht vorhersehbar, ob mit diesen Produktionsverfahren möglicherweise auch noch nicht bekannte Erreger wirksam abgetötet werden können.

Die Sicherheit von Plasmakonzentraten aus Spenderblut ist daher immer wieder ein Thema für die Betroffenen.

Was sind rekombinante Faktorpräparate?

Seit ca. 30 Jahren kann der bei der Hämophilie fehlende Gerinnungsfaktor auch gentechnologisch im Labor hergestellt werden. Bei diesen Präparaten wird zur Herstellung des Gerinnungsfaktors kein menschliches Blut benötigt, sondern er wird mit Hilfe von gezüchteten Zellen tierischer oder humaner Abstammung im Labor produziert. Der Vorteil dieser Präparate ist, dass der auf diese Weise hergestellte Gerinnungsfaktor in reiner und gleichbleibender Form produziert werden kann. Es gibt zwei Arten von rekombinanten Faktor-Präparaten:

  • rekombinante Faktoren mit Standard-Halbwertszeit (mit oder ohne Albumin = Eiweißstoff)
  • rekombinante Faktoren mit verlängerter Halbwertszeit

Wie häufig muss ich Faktoren substituieren?

Die Häufigkeit einer Faktor-Gabe bei einer Hämophilie hängt von der gewählten Therapieform und dem Präparat ab. Man unterscheidet in der Hämophilie-Behandlung zwischen den beiden folgenden Therapieformen:

  • Prophylaxe
  • Bedarfs (On-demand)-Behandlung

Die Entscheidung darüber, welche Therapieform die geeignete ist, wird individuell getroffen und hängt beispielsweise vom Schweregrad der Hämophilie, der Blutungshäufigkeit und dem Alter des Patienten ab.
Die Wahl der Therapie sollte von erfahrenen Hämophilie-Behandler*innen in Absprache mit dem Patienten und bei Kindern mit den Eltern erfolgen.

 

Quellen:

  • „The history of haemophilia – a short review“, W. Schramm; Thromb Res, 2014
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Plasmafraktionierung
  • „Geschichte der Hämophilie“, C. Bidlingmaier et al, Dr. von Haunersches Kinderspital - LMU
  • „WFH Guidelines for the Management of Hemophilia, 3rd edition“, Srivastava et al, Haemophilia, 2020
  • „The plasma supply in Germany“, R. Moog, Transfusion and Apheresis Science, 2019
  • „Current therapeutic approaches in the management of hemophilia - a consensus view by the Romanian Society of Hematology“, I. Hotea et al, Ann Transl Med, 2021
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